24. Ein Tag in Ramallah


Losgelöst von allen häuslichen Sorgen, wache ich nach einem märchenhaften Traum auf und sortiere mich langsam mit einem orientalischen Kaffee. Auf dem Weg von der King-George-Street zum Damaskustor lasse ich mich mit vielen Berufstätigen treiben und steige am Busbahnhof hinter dem Tor in den Bus nach Ramallah ein.

Damaskustor

Offensichtlich klingt der Traum noch etwas nach, mein freundliches Gesicht zeigt Wirkung und der Busfahrer begrüßt mich äußerst gut gelaunt. Das Abenteuer Palästina kann beginnen. Für die nur 13 km benoetigen wir 1 1/2 Stunden, wonach ich in Ruhe die Stadt auf mich wirken lassen will. Diese Ruhe finde ich mitten im Gewimmel eines großen Platzes.

Das Gewimmel bleibt allerdings nur kurz in hintergruendiger Distanz. Kaum habe ich mit meinen Aufzeichnungen begonnen, setzt sich ein junger Palästinenser neben mich und nötigt mir ein Gespräch auf. Ich freue mich über diesen Einstieg in die lokale Gesellschaft. Seine erste Frage lautet, wie ich denn die Menschen hier finde. Was soll ich dazu nach der Busfahrt und 5 Minuten Aufenthalt in Ramallah sagen? Ich will ihn nicht mit einer unbedachten Antwort abspeisen, dafür finde ich ihn zu sympathisch, jung und gutaussehend. Er hätte keine Arbeit und offensichtlich jede Menge Zeit. Darum lasse ich ihn, trotz seines penetranten Mundgeruchs (vielleicht eine Folge schlechter Zähne), das Gespraech fortführen. Nach ein paar Eingangsfloskeln appelliert er an mein Mitleid – er erhofft sich Hilfe bei der Ausreise nach Berlin. Dort hätte er einen Bruder, welcher begeistert von dieser Stadt erzählt und er würde diesen gerne besuchen. Stolz berichtet er mir von seiner schulischen Ausbildung. Er wäre sehr gut in Mathematik, was immer das in seinem Leben noch bedeuten mag und sein Redefluss berührt mich zunehmend. Meine Empathie erreicht allerdings eine Grenze, als wir zwangsläufig die politische Ebene erreichen. Er “hasse“ alles was nicht Palästina ist und mein Verständnis für ihn wird auf eine harte Probe gestellt. Zum Glück werden wir von einem Telefonanruf seines Vaters unterbrochen und ich kann mich freundlich verabschieden. Nun lasse ich mich, wie anfangs geplant, erst mal treiben im Gewusel der palästinensischen Hauptstadt. Es ist sicher ein sehr großes Problem, daß zu viele junge Männer ohne Beschäftigung sind, keine großen Perspektiven haben und ihr Glück im Ausland oder im Kampf gegen Israel sehen. Eine Gemengelage, die mir zwar bewußt ist, die ich jedoch nicht beeinflußen kann. Viele Menschen, und es scheint mir, fast eben so viele Autos, prägen das Stadtbild – kein Wunder, es ist Mittagszeit.

Ich finde im 3. Stock ein nettes Cafe mit vielen jungen Menschen und jeder Menge Shishas (Wasserpfeifen). Die Bedienung, wieder ein junger sympathischer Mann, ist ebenfalls nett und serviert mir einen doppelten türkischen Kaffee (zum halben Preis eines einfachen in Jerusalem). Die Maschine für den bestellten amerikanischen würde leider nicht funktionieren, erklärt er mir. Als kleinen Imbiss gibt es das nachfolgende Taboulé (in memoriam an einen guten Freund) verfeinert mit einer Gewürzkreation Za’atar meiner Schwester Johanna:

Taboulé

  • 2 kleine Süßkartoffeln, geschält und in Würfel geschnitten
  • 4 EL natives Ölivenöl
  • 225 g Bulgur
  • 430 ml Wasser
  • Saft von 1 frisch gepressten Zitrone
  • 2 kleine Bunde frische Petersilie, klein gehackt
  • 1 kleiner Bund frische Minze, gehackt
  • 1 kleine rote Zwiebel, klein gehackt
  • 150 g Fetakäse, zerkrümelt
  • 50 g geröstete Kürbiskerne
  • Kerne von 1/2 Granatapfel

Gerade tauscht ein Angestellter die „Aschebrocken“ auf den Tellern der Pfeifen aus und auf meine Frage erklärt er mir, die Shisha wäre in vielen arabischen Ländern ein fester Bestandteil der Kultur; das gemeinsame Rauchen wurde und wird bis heute als Symbol der Gastfreundlichkeit angesehen. Unter diesem Aspekt stelle ich meine Vorbehalte zurück und versuche mir nicht die Gefahren sowohl des Rauchens, als auch des Shisha-Rauchens ins Bewusstsein zu rufen. Viele junge Mädels rauchen hier und sie sind viel gelöster und lustiger, als ich sie auf der Straße antreffe. Dort scheinen sie mir sehr verschlossen und abweisend dreinblickend – vielleicht weil meine weiblichen Begegnungen dort durchwegs älterer Natur sind und meist so verschleiert, dass ich ein lächelndes Gesicht gar nicht ausmachen kann. Trotzdem ist es eine andere Welt. Nicht vergleichbar mit Tel Aviv, Jerusalem und schon gar nicht mit Berlin, München etc.. Ganz spontan fällt mir dabei der vermeintliche Satz von Alexander von Humboldt ein: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“. Ich bin ein weiteres Mal glücklich, daß ich sie anschauen darf/kann und dass wir (die jungen Mädels und ich) uns in diesem Cafe zum Abschied ein überaus freundliches Lächeln schenken können!

Ich erfahre damit einen wunderbaren Querschnitt durch die junge Generation, wobei ich sowohl ein in die Vergangenheit und den Kampf gerichtetes Denken, aber viel oefter ein nach aussen interessiertes, weltoffenes und hoffnungsvolles finde. Die Mehrheit sieht die Zukunft im Austausch, im Handel, in Bildung und nicht im Kampf, im Verharren in vergangenen Fehden und im Unrecht einer alten Generation.

Langsam wird der Qualm hier dichter und ich werde mich wohl wieder auf den Weg machen. Noch ein Spaziergang durch die Stadt

Sightseeing in Ramallah

und seinen übervollen Markt oder besser orientalischen Bazar mit der ganzen bunten Vielfalt und den dazu gehörigen Schreiern, von denen einer den anderen an Lautstärke überbieten will.

Die Rückfahrt verlangt nur dem Busfahrer viel Geduld ab. Ich genieße es, kann ich doch nochmal die Gegend ringsum genau auf mich einwirken lassen. Von Ramallah nach Jerusalem geht es ständig durch bewohntes Gebiet. Nur ein Stück an der Grenzmauer entlang und ebenso der Grenzübertritt sind Niemandsland, was aber ja nicht verwunderlich ist. Zwei schwer bewaffnete Jungs kontrollieren den Bus und eine Frau muss sogar aussteigen. Weshalb ? Aber auch wir übrigen Fahrgäste werden kurz darauf in ein anderes Fahrzeug geleitet und weiter geht es zum Busbahnhof durch die Außenbezirke von Jerusalem. Immer nur kurz schimmern die judäischen Bergkuppen durch die Wohnbebauung, schon etwas angestrahlt von der Abendsonne. Die Atmosphäre im Austrian Hospiz ist mir im Gegensatz zum übrigen Tag fast ein wenig zu betulich. Dabei habe ich mir das schön ausgemalt, mich hier im ruhigen Garten vom Lärm und all den Eindrücken etwas zu erholen. Die Menschen sind mir zu selbstgefällig, zu scheinheilig. Sie wollen hier in Jerusalem den Ursprung ihrer Religion finden und finden doch auch nur Herden, die sich durch die ganzen „heiligen“ Stätten quälen. Ob es das ist, was sie suchen? Nehmen sie noch etwas anderes aus Israel mit nach Hause? Vielleicht denke ich zu kritisch und tue damit vielen dieser Menschen Unrecht. Die vielen Gläubigen hier, egal welcher Religion sie angehören, sind einfach zu übermächtig für mich. Ja – und das Abendessen muss heute ausfallen! Es ist, wie ich beim Heimgehen feststelle, Vorabend eines Feiertages und alles ist bereits – wieder mal – geschlossen. Eine weitere Überraschung erwartet mich im Hotel: der Aufzug ist auf Sabbatelevator umgeschaltet, was ich nicht weiß und … meine Karte zum Zimmer öffnen funktioniert nicht. Nach dreimaligem Runter- und Rauffahren ohne aussteigen zu können bekomme ich einen Sabbatkey. Muss man alles wissen, wenn man nach Jerusalem fährt. Mal sehen, was mich morgen erwartet. Vorher noch das Rezept für das Za’atar (Gewürzmischung):

  • 2 EL geröstete Sesamsamen
  • 2 EL Sumach
  • 2 EL getrockneter Thymian
  • 1 EL getrockneter Oregano
  • 1 EL getrockneter Majoran
  • 1/2 TL Meer- oder Steinsalz

Sesam in einer Pfanne ohne Öl rösten und abkühlen lassen, alle Zutaten mischen und im Mörser oder Mixer fein vermahlen.

Sumach, Thymian und Sesam sind die unbedingt nötigen Grundlagen der Mischung. Oregano und Majoran kann nach eigenem Gutdünken zugefügt werden, auch getrockneter Ysop passt. Im Original kommt als Hauptbestandteil das Zatarkraut (eine Unterart des europäischen Ysop mit thymianähnlichem Geschmack) zum Einsatz, das es aber hierzulande nicht zu kaufen gibt.

Im nächsten Blog-Beitrag (ausnahmsweise erst in 2 Wochen) berichte ich von einem weiteren Aufenthalt in Israel, der auf dem Rothschild Boulevard in Tel Aviv beginnt. Bis dahin Shabbat Shalom


2 Antworten zu “24. Ein Tag in Ramallah”

  1. „Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben“. (Alexander von Humboldt) … Vielen Dank, liebe Renate, daß Du mir diesen Satz wieder ins Gedächtnis gerufen hast!

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