36. יד ושם – Yad Vashem


Der Vergangenheit gedenken, in der Gegenwart leben, an die Zukunft glauben.

Wie es im Buch der Psalmen heißt, damit es die Nachkommen lernen, die Kinder, die noch geboren würden, sie sollen aufstehen und es auch ihren Kindern verkünden.

Es ist dieser erste Satz, den ich am Schluß meines Besuches lese und den ich an den Beginn meines Berichtes stellen möchte. Er berührt mich sehr und ich muss immer daran denken, wenn ich die Erklärung höre, was ich denn mit dieser alten Geschichte wolle, sie wäre doch längst Vergangenheit und man solle sie endlich ruhen lassen. Unter der „alten Geschichte“ verstehen diese Menschen den Holocaust, die Schoa – das dunkelste Kapitel unserer deutschen Geschichte.

Ich mache mich zu Fuß auf den Weg nach Yad Vashem. Es ist ein langer, beschwerlicher weil dazu recht heißer Tag und nicht ohne Probleme. Die Straßenbahn streikt und mir bleibt daher gar nichts anderes übrig als zu laufen. Bis zur Centralstation schaffe ich das ganz gut, frage mich aber dann doch zu einem Bus durch. Drei australische Teenager haben das gleiche Ziel und für sie ist die Fahrt zum Berg Herzl eine unterhaltsame, ja lustige. Sie erzählen mir von jüdischen Großeltern, die ihnen diesen Besuch empfohlen hätten. Mich hingegen beschleicht, wie des öfteren hier, ein mulmiges Gefühl, eine Kombination aus Scham, Schuld, Mitgefühl, und tiefer Traurigkeit.

Als ich nach den Eingangsformalitäten zuerst durch die Allee der Gerechten gehe (Nichtjuden gewidmet, die unter Einsatz ihres Lebens, Juden gerettet haben) und zum Holocaust History Museum komme, manifestieren sich meine abstrakten Gefühle mit einer nie zuvor erlebten Grausamkeit. Hier werden durch persönliche Gegenstände, Fotos und Schriftdokumente die Menschen in den Vordergrund gestellt und mir deren Martyrium im Dritten Reich vor Augen geführt. In der Hall of Names sind die Namen der rund 6 Millionen Opfer des Holocausts verewigt und ich beginne die Grenzen der Sprache für den Ausdruck bestimmter Gefühle zu erkennen. Kein Wort will mir passen, kein Satz kann fassen, was ich sehe, was ich spüre. Ich lese Sätze wie „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ (T. Adorno). Nun schämt man sich, ähnliche Sätze jemals bezweifelt zu haben. Als ich in dem Haus bin, das den 1,5 Millionen getöteten Kinder gewidmet ist, ist diese ohnmächtige Trauer, das Unverständnis über ein derartiges Unrecht übermächtig und ich kann meine Tränen nicht mehr zurück halten. Es kommt noch die Gedenkhalle mit den Namen der Konzentrations- und Vernichtungslager, in der über der mitgebrachten Asche aus diesen Lagern ein ewiges Licht brennt zum Gedenken und als Mahnung. Das Haus, in dem der Eichmannprozess detailiert geschildert wird, erschöpft dann mein Vermögen an derart grausamer Geschichte und ich mache mich auf den Heimweg. Der Blick vom Ende des Holocaust History Museums in eines der Täler Jerusalems begleitet mich.

Meine Gedanken landen bei meinem Vater, der mit 19 zum Militär kam und anschließend den Krieg und die Gefangenschaft in Frankreich erlebte. Ich wäre gern mit ihm hier gewesen und bereue es sehr, zu seinen Lebzeiten nicht genauer nachgefragt zu haben. Ruthi, eine ältere Dame, die ich anschließend beim Abendessen kennen lerne und der ich meine Betroffenheit über das grauenvolle gerade Gesehene erzähle, meint, es wäre nach dem Krieg einfach nicht darüber gesprochen worden. Sie – immerhin eine Jüdin Jahrgang 39 (wie Anne Frank), deren Mutter in Nürnberg geboren wurde – versucht meine Eltern zu entschuldigen. Ihre Eltern wiederum mussten vor dem Krieg nach Amsterdam flüchten, wo sie geboren wurde. Sie lebt jetzt zwischen Tel Aviv und Haifa. Es war ein Glücksfall, diese Frau zu treffen und mit ihr sprechen zul können. Sie, die Yad Vashem nicht besucht, macht mir Mut und katapultiert mich abrupt aber sehr verständnisvoll zurück in die jetzige Realität:

Wir befinden uns in einem wunderschönen Restaurant mit tollem Ausblick auf die Stadt, lassen uns ein schmackhaftes Essen munden und ich sitze einer sehr empathischen Gesprächspartnerin gegenüber, deren Englisch ich auch noch sehr gut verstehen kann.

Mein Sohn meint, als ich abends meine Emotionen in Worte zu fassen versuche, für die Nazis waren die Juden keine Menschen (was dann?). Sind das Menschen, die es schaffen fast ein ganzes Volk auszurotten? Es sind Menschen, die es fertigbringen anderen Menschen das Menschsein abzusprechen, die dem teuflischen Wahn verfallen, einen Nächsten mit einem Objekt gleichzusetzten. Es ist eine Lehre, die ich aus dieser Erkenntnis ziehe: Auch in mir wohnt das Böse, auch ich bin nicht gefeit davor einem anderen seine Würde abzusprechen und damit alles zu entschuldigen, ja zu rechtfertigen. Unter den damaligen Nazis waren ebenso normale Deutsche, wie der durchschnittliche Bürger, dem ich heute in meiner Heimatstadt begegne, mit dem gewichtigen Unterschied, dass der Mensch heute wissen muss, wenn er/sie zurückblickt, was in seiner Mentalität schlummert/schlummern kannn.

Wir, die heutige Generation in Israel und Deutschland müssen mit der Geschichte, der Verfolgung, den vielen Toten und grausamen Schicksalen in fast jeder jüdischen Familie leben.

Neben all den guten Geschichten müssen wir auch diese unseren Kindern und Enkelkindern weiter geben. Yad Vashem ist ein Ort, der uns mahnt und der uns die vielen Menschen nicht vergessen lässt, die – herausgerissen aus ihrem Alltag – dem Wahnsinn einer menschenverachtenden Ideologie geopfert wurden.

Selbst wenn wir nur eine Ahnung davon haben können, welch unvorstellbare Qualen die Menschen in Ausschwitz, Stutthof, Maidanek, Treblinka, Theresienstadt, Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen, Ravensbrück, Bergen-Belsen, Trostenez, Flossenbürg, Mauthausen – um die wichtigsten zu nennen – erleben mussten. Sollen wir nicht alles tun, damit, was hier von Menschen an Menschen verbrochen worden war, sich niemals wiederhole? Ja, wir sollen, und ein wichtiger Schritt kann darin bestehen, sich und andere daran zu erinnern!

Deshalb auch abschließend nochmal der Satz eines Überlebenden des Holocausts, der uns Mut dazu macht:

„Der Vergangenheit gedenken, in der Gegenwart leben, an die Zukunft glauben.“

Und, „der Vergangenheit gedenken“ : Vom 09. – 10.11.1938 fand die Reichspogromnacht statt. Die Pogrome markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung.

Shabbat Shalom שבת שלם


Eine Antwort zu “36. יד ושם – Yad Vashem”

  1. Dein Bericht über die Gedenkstätte macht diese dreidimensional und anfaßbar. Ich kann mir nicht vorstellen, daß man da nicht betroffen sein kann. Mir erging es ähnlich, als ich vor vielen Jahren das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt in der heutigen Tschechei besucht habe.

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