10. Moschaw מושב, Kibbuz קיבוץ, Jordantal עמק הירדן mit Süßem מתוק und Sauren חמוץ


Es geht weiter das Jordantal entlang zu unserem nächsten Ziel, einem Moschaw (Plural Moschawim), der mittlerweile jüngeren aber häufigeren Form israelischer Dorfgemeinschaften.

Die auf genossenschaftlicher Basis organisierten Moschawim unterscheiden sich von den bekannteren Kibbuzim hauptsächlich durch die Tatsache, dass nicht das Gemeinschaftsleben, also die Kommune, im Mittelpunkt steht, sondern die einzelne Familie innerhalb der Dorfgemeinschaft. Jede dieser Familien bewirtschaftet meist einen eigenen Hof, bzw. wie bei unseren Gastgebern eine Pension. Die individuellen Bedürfnisse und die Privatsphäre werden hier mehr berücksichtigt als in den Kibbuzim.

Gern hätte ich während unserer Reise ein Kibbuz näher kennengelernt. Diese gemeinschaftliche Lebensform, die es bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts gibt und die sich nicht am finanziellen Reichtum einzelner orientiert, sondern in der das Gemeinwohl im Vordergrund steht. Als junge Frau erschien auch mir – inspiriert von den Kommunen der 70er – diese Art zu leben als sehr erstrebenswert. Die Wohngemeinschaften wie ich sie damals kennen lernte, waren keine landwirtschaftlich orientierten, sondern hauptsächlich geprägt von der Vorstellung eines freieren Lebens ohne die elterliche Einengung. Dieser wollten wir uns, geprägt von dem häufig benutzten Satz: Solange du die Füße unter unseren Tisch stellst, machst du, was wir sagen, durch eine andere, freiere Lebensform entziehen. Zu mehr politischem Engangement war ich damals noch nicht in der Lage. Es gab sie jedoch, die politischeren, die idealistischeren jungen Menschen: ein Freund nahm in den 70er Jahren mit der Aktion Sühnezeichen für einige Wochen am Kibbuzleben teil. Er arbeitete in der Landwirtschaft und konnte so diese ganz besondere Art einer Kommune kennen lernen. Dieses Engagement wurde von uns anderen zumindest mit sehr viel Hochachtung begleitet.

Heute gibt es zwar immer noch Kibbuzim, häufig fungieren sie jedoch als Gästehäuser mit fortschreitender Privatisierung. Die herkömmliche Landwirtschaft hat es in Israel, wie in Europa, schwer, und es wundert nicht, wenn anstelle von Vieh, Algen für Nahrungsergänzungsmittel und Kosmetik gezüchtet werden. Auch sind Solaranlagen neben Dattelplantagen kein seltener Anblick in den der Wüste abgerungenen Landstrichen. Gemeinschaft, Gleichberechtigung, gelebter Sozialismus ohne den Kapitalismus zu verteufeln – immer noch eine Utopie? Die heutigen Kibbuzniks leben mit diesen scheinbaren Gegensätzen.

Ich picke mir aus den Gemeinschaftsarbeiten im Kibbuz das Kochen heraus, nicht ohne dabei den Gemüsebauern und den Rinderzüchter vom Wochenmarkt (diesmal in Franken) mit einzubeziehen. Aus regionalen Grundlagen mit exotischen Gewürzen leckere Gerichte zaubern, mit alten und neuen Geschichten garniert, bereichern unseren Alltag ungemein. Das Erlebnis eines mit Freunden veranstalteten Kochevents ist etwas besonderes und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Das nachfolgende Rezept ist hierfür ein gutes Beispiel.

Gemüsesuppe mit Pesto

  • 300 g weiße Bohnen
  • 3-4 Zucchini
  • 150 g Lauch, nur weiße und zartgrüne Teile
  • 300 g grüne Bohnen
  • 300 g Karotten
  • 300 g Kartoffeln
  • 500 g Tomaten
  • 1 Gewürzsträußchen (bestehend aus einigen Stengeln Petersilie, Thymian, Salbei u. 1 Lorbeerblatt)
  • 200 g Suppennudeln
  • 5 Knoblauchzehen
  • 150 g Parmesan
  • 100 ml Olivenöl
  • 2 Handvoll frische Basilikumblätter
  • Salz, frisch gemahlener Pfeffer

Die weißen Bohnen am Vortag einweichen. In kaltem Wasser aufsetzen und ca. 1 Std. kochen lassen bis sie beginnen weich zu werden.

In der Zwischenzeit das Gemüse vorbereiten: Karotten, Kartoffeln und Tomaten (heiß überbrühen) schälen und in kleine Würfel schneiden, Zucchini und Lauch in Scheiben, Bohnen abziehen und in Stücke schneiden. 2 1/2 l Wasser zum Kochen bringen. Gemüse, abgetropfte Bohnen sowie das Gewürzsträußchen hineingeben und salzen, 2 Std. bei geringer Hitze kochen lassen. Anschl. die Nudeln dazugeben und weitere 10 Min. kochen, mit Pfeffer abschmecken.

In der Zwischenzeit das Pesto zubereiten:

geschälten Knoblauch zusammen mit den Basilikumblättern im Mörser zu einer Paste zerstampfen. 50 g des frisch geriebenen Parmesan darunter rühren und anschl. nach und nach das Olivenöl einarbeiten.

Das fertige Pesto mit etwas Brühe verdünnen. Pesto und restlichen Parmesan getrennt zur fertigen Suppe reichen. Jeder kann sich nach eigenem Geschmack bedienen.

Nach dem Pesto (geht relativ schnell) und während die Suppe langsam vor sich hin köchelt, probieren wir die Auberginen-Paste (voriges Rezept) mit etwas Fladenbrot und einem ersten Glas des vollmundigen Rotweins von den Golan-Höhen.

Es war ziemlich spät und bereits dunkel. Wir müssen uns bei den wenigen Menschen, die noch nicht in ihren Häusern sind, durchfragen, haben Glück und werden von einer sehr freundlichen amerikanischen Touristin zur Unterkunft geleitet. Sie wohnt zufällig in derselben Siedlung, wo sie sich mit ihren in Israel lebenden Verwandten trifft.

Yom Kippur, das große jüdische Versöhnungsfest (wir begegnen ihm in einem späteren Beitrag etwas ausführlicher) einige Tage später, ist der Anlass für das Familientreffen der Eltern, Großeltern, der kleinen und großen Kindern. Es ist wunderbar ihnen am nächsten Morgen beim Frühstück zuzusehen und zuzuhören, auch wenn alles in hebräisch gesprochen wird und zumindest ich nicht allzu viel verstehe. Familienleben gerade an Feiertagen ist in Israel ein sehr sehr wichtiger Faktor und alles andere wird hinten angestellt.

Das Ehepaar aus dem Moschaw, das uns mit einem köstlichen Frühstück versorgt, kommt halb aus Frankreich und halb aus Israel. Der Ehemann ist zuständig für die Versorgung der Gäste und deren Unterhaltung. Stolz führt er uns durch seinen Teil der dörflichen Anlage mit Whirlpool und sogar Sauna.

Die Ehefrau zaubert innerhalb kürzester Zeit ein fantastisches Büfett. Neben Salzigem (die obligatorischen Oliven und das eingelegte milchsaure Gemüse) gibt es selbst zubereitete Marmelade von Datteln, die vor dem großen Panoramafenster auf einem ausladenden Baum wachsen, um nur einige Besonderheiten zu nennen.

Unser Blick gleitet dabei vom Baum hinunter ins weite Tal des Jordan עמק הירדן, dieses mit 260 km Länge größten Flusses Israels. Vom Zusammenfluss seiner Quellflüsse auf dem Berg Hermon הר הרמון, 400 m über dem Mittelmeer bis zur Mündung ins Tote Meer ים המלחfällt er 916 m (Jordan/Yarden ירדן= fällt herab). Sein Tal ist das tiefstgelegene unserer Erde und er hat lange Zeit das Salzmeer, wie es auf Hebräisch heißt, mit Süßwasser gespeist. Seitdem diese Kostbarkeit des Jordans allerdings fast komplett abgepumpt wird, sinkt der Wasserspiegel des toten Meeres pro Jahr gut einen Meter. Sowohl die Grundwasserressourcen, als auch die damit verbundene Trinkwasserversorgung sind extrem gefährdet. Als Gegenstrategie haben sich die Anrainer Israel, Jordanien und die Palästinenser gemeinsam mit der Weltbank auf den Bau eines „Friedenskanals“ geeinigt. Vom Roten Meer soll Wasser in eine Entsalzungsanlage gepumpt und zu Süßwasser verwandelt werden. Die übrig bleibende Salzlake will man ins 180 km entfernte Tote Meer pumpen. Vielleicht kann dadurch eines der eindrucksvollsten Naturwunder der Erde mit seinen besonderen Heilkräften unseren Nachkommen erhalten bleiben.

Gestern Abend sahen wir unten im Jordan-Tal nur die Lichter, jetzt beim Frühstück fasziniert uns die Weite und Helle dieser Landschaft. Ein wenig an die biblische Geschichte und deren Bilder aus der Kindheit werde ich wieder einmal erinnert, wie schon oft die letzten Tage. Der Hausherr, für den dieser Blick ein alltäglicher, wie er uns versichert, aber immer noch faszinierender ist, verrät mir ein Rezept seiner Gattin für einen:

Dattel-Nuß-Kuchen עוגה דקל-אגוז

  • 125 g Grieß
  • 125 g Mehl
  • 1 TL Backpulver
  • 4 EL Zucker
  • ½ Vanilleschote o. 1 P. Vanillezucker
  • 125 g Butter (Pflanzenöl)
  • 250 g frische Datteln (o. 200 g getrocknete)
  • 2 EL Honig (Ahornsirup)
  • 1 EL Zitronensaft
  • ½ TL gem. Zimt
  • 60 g gehackte Walnüsse

Für die Form Butter und Semmelbrösel

Grieß, Mehl, Backpulver, Zucker und Vanille mischen. Die Butter zerlassen und unterrühren. Die Datteln entsteinen und klein schneiden.

Eine Springform (22 cm) mit Butter ausstreichen und mit Semmelbrösel ausstreuen.

Den Backofen auf 200 Grad vorheizen.

1/8 l Wasser zum Kochen bringen und die Datteln unter Rühren 5 Minuten kochen lassen. Honig, Zitronensaft, Zimt und Walnüsse zufügen, umrühren und die Mischung vom Herd nehmen.

Die Hälfte der Mehl-Grieß-Masse in die Springform füllen, festdrücken und die Dattelmasse gleichmäßig darauf verteilen. Die restliche Mehl-Grieß-Mischung in Form von Streuseln auf die Dattel-Mischung krümeln.

Auf der mittleren Schiene in ca. 45 Min. goldgelb backen.

Dieser Kuchen krümelt etwas, ist jedoch einfach zuzubereiten und gut als Dessert zu Espresso oder Nachmittagskaffee geeignet.

Und ein Rezept für das milchsauer eingelegte Gemüse, wie man es in alten Kochbüchern auch bei uns findet:

Milchsaures Gemüse

  • 1,2 kg Gemüse
  • (Es eignen sich Karotten, Blumenkohl, feste Tomaten, bissfest gekochte grüne Bohnen, Erbsen, Mais, Kohlrabi, kleine Gurken, rote und grüne Paprikaschoten)
  • 3 Zwiebeln
  • getrockneter Dill, Estragon
  • 3 Lorbeerblätter
  • 3 Knoblauchzehen
  • 5 Pimentkörner
  • 1 EL Senfkörner
  • evtl. frischen Meerrettich in Scheiben
  • 1 ¾ l Wasser
  • 45 g Salz

Gemüse waschen, putzen und in Würfel schneiden, abwechselnd in ein steriles Schraubglas schichten, Kräuter dazwischen und bis 6 cm unter den Rand befüllen. Wasser mit Salz aufkochen und erkaltet über das Gemüse gießen (Gemüse muss bedeckt sein). Das Glas luftdicht verschließen und 1 Woche bei Zimmertemperatur dunkel und anschließend 3 Wochen kühl stellen (nicht in den Kühlschrank).

In Israel bekommen wir dieses eingelegte Gemüse bei vielen Anlässen serviert und anstelle unserer Essiggurken lohnt es sich ausprobiert zu werden.

Von „unserem“ Moschaw aus besuchen wir am nächsten Tag

Bet She’an (Bet בית=Haus und hier: Tempel des Schlangengottes Shahan)

Immer noch eindrucksvoll: die Ruinen von Bet She’an

4 Antworten zu “10. Moschaw מושב, Kibbuz קיבוץ, Jordantal עמק הירדן mit Süßem מתוק und Sauren חמוץ”

  1. – vielen Dank für die Information über die sich verändernden Kibbuzien; ich denke angesichts der derzeitigen Angst, daß nicht genügend Nahrungsmittel in der Welt verfügbar sind, oft daran, wie es Israel geschafft hat, eine Wüste zu „begrünen“; statt auf den Mars zu fliegen, sollte es doch möglich sein, auch andere Wüsten und Öden dieser Welt zu begrünen und urbar zu machen … aber dies sind Wunschträume. Verwirklicht werden dieser Tage leider ganz andere Projekte in der Welt … auf alle Fälle liest sich das Rezept für die Gemüsesuppe sehr lekker, auch dafür vielen Dank!

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